Zara – ein letzter Gruß an einen Traumhund

 

Es war an einem Sonntag im Oktober 2003, die letzte Spritze war für den nächsten Tag bereits fest geplant, als mich meine Pflegefamilie ins Auto setzte und mit mir losfuhr. Ich wusste nicht, was mich erwartet und hatte Angst, wie sooft in den 10 Jahren meines Lebens.

Die letzten 2 Jahre habe ich in einem Zwinger verbracht, bei Wind und Wetter auf den Fliesen, keine Decke, kein liebes Wort und auch keinen Auslauf, obwohl das Grundstück riesig war. So entstanden Wunden an der Brust und den Hinterläufen, die schließlich vollkommen vernarbt waren. Man ließ mich gerade nicht verhungern und irgendwie ahnte ich, dass meine Zeit um ist – und ganz ehrlich, irgendwie war es mir fast lieber so. Dann holten mich couragierte Menschen bei Nacht und Nebel aus dem Zwinger und nahmen mich auf. Aber mit deren Hund kam ich nicht klar oder er nicht mit mir oder wir alle nicht miteinander, wer kann das schon sagen.

 

Jedenfalls fuhren wir lange und als wir anhielten kamen fremde Leute ans Auto und sahen mich freundlich an. Sie hatten einen Dobermann an der Leine, der mich furchtbar anbellte, weshalb ich noch mehr Angst bekam. Wir fuhren dann zu diesen Leuten, die ein Haus mit Garten hatten und gingen dort zusammen spazieren, vom Haus aus fast direkt zwischen Felder und Wald. Der andere Dobermann beruhigte sich schnell und schien vorerst beschlossen zu haben, mich einfach zu ignorieren. Ich wollte mich schon beruhigen, als meine Pflegeleute aufbrachen und mich nicht mitnahmen, ich sollte offensichtlich dort bleiben. Wieder mal abgeschoben … ? Naja, ich bin ja auch schon alt, habe keine Muskeln mehr, ein altes, herzkrankes Klappergestell, wer will das schon haben ? Meine Leute würden jetzt wie aus einem Mund sagen: WIR !

 

So wurde es Abend und es gab erstmal Futter. Danach wartete ich darauf, in den Zwinger zu müssen, aber da gab es keinen Zwinger, stattdessen gingen Caesar (der Dobermannjunge der bei den Leuten lebt) und wir alle zusammen noch mal in den Wald. „Abendrunde“ nannten die Leute das – wow, schon wieder spazieren gehen, und auch noch ganz langsam, weil ich ja nicht so schnell konnte, wie auch ohne Muskeln. Danach war Schlafenszeit, also nahm mich das neue Herrchen auf den Arm und mit ins Schlafzimmer. Ich konnte es nicht fassen, ich durfte auf dem Fußende des Bettes schlafen, wurde zugedeckt und man sagte mir ganz lieb Gute Nacht. Ich schlief sofort tief und fest ein, muß aber wohl im Schlaf an meinen neuen Menschen herangekrochen sein, denn als ich aufwachte, berührten sich unsere Nasen. Ich wollte schon wieder Angst bekommen, wurde aber ganz lieb gestreichelt und mit „Guten Morgen“ begrüßt. Dann gab es Futter, dann die Morgenrunde.

 

In der nächsten Zeit wurde ich lieb umsorgt, die Spaziergänge wurden so gewählt, dass ich langsam wieder Muskeln bekam und wenn sich meine Menschen verschätzt haben, haben wir viele Pausen gemacht und manchmal wurde ich auch getragen. Sogar an den kleinen Menschen habe ich mich gewöhnt, auch wenn er nur manchmal da ist. Kleine Hände streicheln ganz anders, aber ich fand es toll. Ich musste viel lernen und vieles vergessen, hier war alles anders als bisher, offenbar versuchten meine Menschen mir wieder einen echten Lebenssinn zu geben. Von meinen anfänglichen 18 kg kam ich langsam auf ein normales Gewicht, ich durfte auf das Haus aufpassen, was ich nur zu gerne tat, aber vor allem war ein ich echter, vollwertiger Teil des Teams, was ich bisher nicht kannte.

 

Mit der Zeit begann auch Caesar von sich zu erzählen und langsam verstand ich, warum er mit mir solche Probleme hatte: Er sollte Hundekämpfe bestreiten, wollte das aber nicht. So wurde er geprügelt, getreten, misshandelt und zum Schluß an einer Laterne angebunden. Dort wurde er nach Tagen gefunden und ins Tierheim gebracht. Da fanden ihn meine Leute, gingen über Monate wann immer möglich mit ihm spazieren und als sie erfuhren, dass er eingeschläfert werden soll, weil ihn niemand haben will, kündigten sie ihre Wohnungen und mieteten ein ganzes Haus mit Garten um ihn holen zu können. Das war ein gutes Jahr vorher, geblieben ist eine tiefe Abneigung gegen Artgenossen. Da er mich langsam an sich heranließ wurde ich dann mutig, für Caesars Geschmack wohl auch zu mutig, so dass er mir einmal zeigte, wer das Sagen hat – hat ganz schön wehgetan und wurde auch ziemlich dick, aber ich hatte es begriffen. Danach wurden wir dicke Freunde, mit jedem Tag mehr. Wir alberten herum, rannten hinter der Frisbeescheibe her, machten den Garten unsicher und lagen zusammen vor dem Kamin oder kuschelten mit unseren Menschen. Manchmal, wenn ich wieder Angst bekam, habe ich mal geschnappt, darum nannten sie mich bald „Tacker“, weil ich eben manchmal getackert habe, aber nie wirklich böse. So vergingen der Oktober und der November und es wurde Dezember. Ab Mitte Dezember ging es mir immer schlechter und kurz vor Weihnachten stand ich das erste Mal auf der Kippe – hohes Fieber, Entzündung im Magen und das Herz kam auch an seine Grenzen. Meine Menschen – und auch Caesar - haben Tag und Nacht bei mir gesessen, waren für mich da, haben mir leichte Kost gemacht (lecker, Huhn oder Pute und Kartoffeln aus dem Mixer) und waren furchtbar besorgt, als ich eine Nacht in der Klinik bleiben musste, weil meine Lunge voller Wasser war. Sie wünschten sich zu Weihnachten nur Eines: Dass ich bei ihnen sein kann. Alle habe sich ganz doll bemüht, ich auch, und zu Weihnachten war ich wieder da. All dies zu erleben hat mir auch die letzten Zweifel genommen und ich habe nie, nie wieder getackert.

 

Wir alle wussten, dass mein Herz erschöpft ist, aber erstmal ging es ganz gut. Ja und dann kam der 26.1., als ich zu Husten begann, mich nicht mehr hinlegen konnte, weil ich sonst keine Luft mehr bekam. Den ganzen 27. habe ich in der Tierklinik verbracht und abends ging es mir dann auch besser. Am 28. sollte ich dann zur EKG Kontrolle und da bin ich auch mit Frauchen hin, Herrchen kam nach. Als er eintraf sah ich ihn an und dann wurde mir ganz komisch, meine Pfoten rutschten weg und dann weiß ich nichts mehr. Herrchen soll dann auf meine Brust gedrückt haben und „Mund-zu-Schnauze“-Beatmung gemacht haben und dadurch kam ich dann auch wieder. Mir wurde ein Tropf gelegt und ich sollte die Nacht in der Klinik bleiben, ohne meine Menschen. Sie verabschiedeten sich von mir und versprachen, mich am nächsten Morgen zu holen. Es fiel ihnen sehr schwer und mir auch. Ich weiß noch, dass Herrchen sagte „Sie ist aber auch eine süße Maus“, dann gingen sie. Eine Stunde später, nachdem ich zwischendurch schon wieder herumgelaufen bin, wurde mir wieder komisch und diesmal kam ich nicht wieder.

 

Meine Menschen wollten nie Dank, sie haben immer gesagt, sie wollten nur, dass ein über weite Strecken verpfuschtes Dobileben einen schönen Ausklang findet, dass ich noch mal so richtig Hund sein kann, als Teil einer Familie, mit einem richtigen Zuhause, dass ich es nochmal richtig gut habe, wie lange es auch dauern mag.

 

 

 

Hier endet die Geschichte aus Sicht von Zara, für uns wird sie nie enden, sie wird immer ein Teil unseres Lebens und unserer Erinnerung bleiben. Wenn jemand zu danken hat, dann sind wir es; der Familie Zahn und der Dobermann-Hilfe, den Menschen, die Zara aus dem Zwinger geholt haben, der Tierklinik Dr. Ladig in Osnabrück, in der Zara so etwas wie ein Maskottchen gewesen ist, unseren Familien, die uns im Notfall bei extremen Tierarztrechnungen unterstützt haben (auch wenn sie es nicht wissen) und nicht zuletzt Caesar, der wie kein anderer über seinen Schatten gesprungen ist,

 

Ein ganz besonderer Dank geht an die Familie Dr. Osterkamp, die es uns ermöglichten, Zara in dem Wald, den sie so geliebt hat, zu begraben. Sie bleibt also in unserer Nähe, wir besuchen sie auf den täglichen Runden und dafür sind wir alle unendlich dankbar. Als wir sie begruben, wirkte sie, als schlafe sie zufrieden, was uns sehr geholfen hat.

 

Der bei weitem größte Dank aber geht an Zara selbst, für fast 4 wunderbare Monate, für ihr Vertrauen, ihre Liebe und ihre für uns so beschämende Dankbarkeit.

 

Und wenn wir heute noch einmal vor der Situation stünden und genau wüssten, wie und wann es endet – ganz sicher, wir würden es wieder genauso machen. Wir wussten, dass sie einen heißen Sommer nicht mehr schaffen würde, unser Wunsch wäre nur gewesen, ihr noch einen Frühling zu ermöglichen – für sie, weit mehr als für uns. Wir wussten, dass wir sie gehen lassen müssen, wenn es an der Zeit ist und vor allem für sie hätten wir uns gewünscht, dass ihr ein wenig mehr Zeit geblieben wäre.

 

Claus und Michaela Grüschow mit Kilian und Caesar, Tecklenburg im Januar 2004