Familie
Hass Zum Abschied ein Brief an Randy
Hallo Randy, Du warst jetzt fünf Jahre im Tierheim, eine schrecklich
lange Zeit; wie konnte es nur dazu kommen? Heute im Nachhinein wissen wir beide
es. Ich kenne Dich seit zwei Jahren und wir wurden eine
Einheit in den wenigen Stunden je Tag, welche wir zusammen sein konnten Der Verein verlangte von Dir, obwohl kein Listenhund,
für Dein weiteres Fortleben einen Wesenstest. Du hast ihn mit Bravour bestanden;
auch Dank des Prüfers Herr Günther (ein Polizeihundeführer). Er erkannte schnell,
daß Du nicht aggressiv bist sondern eher ängstlich und
verunsichert, und daß Du an Personen vermittelt wurdest,
welche unerfahren waren im Umgang mit Hunden Deiner Art. Daraufhin beschlossen wir beide, Du kannst nur vermittelt
werden, wenn wir drei Voraussetzungen erfüllen · Du mußt ruhig, gelassen, und ausgeglichen
gegenüber Menschen und anderen Hunden werden, auch in Schrecksituationen, · bei einer Vermittlung muß Dir die
Zeit gegeben werden, Dich langsam von mir zu trennen und Dich langsam in eine
neue Umgebung einzugewöhnen, · wir müssen das negative Image, welches Dir im Uns war schnell klar, mit zwei Stunden Ausgang an der
Leine und keinem freien Kontakt mit anderen Hunden war dies nicht zu bewerkstelligen.
Da im Tierheim keine Freilaufwiese mehr zur Verfügung steht (erinnerst Du Dich
noch, wie Du dort mit Cindy getollt hast), haben wir beschlossen, Dich an ein
Laufen ohne Leine zu gewöhnen. Du wurdest von mir zusätzlich versichert und wir begannen
zu lernen. Der Anfang war schwer, da wir alle Drei, Du, meine Frau und ich sehr
vorsichtig waren. Ich ging zwanzig Meter voraus, meine Frau läßt Dich los und Du kommst angerannt. So begann es. Es folgten Begegnungen und auch gemeinsames Ausgehen
mit Hündinnen, welche Du beschnupperst und mit denen Du herumgetollt hast (denkst
Du noch an Micky, Dunja und Fine?). Dann die erste Begegnung mit einem anderen frei laufendem
Rüden. Dessen Besitzer war „mutiger“ als wir. „Keine Sorge, sie werden sich nicht gleich umbringen;
wenn sie nicht miteinander spielen wollen, einfach weitergehen; sie werden sich
dann nur beschnuppern und sich trennen!“ Die Begegnung verlief erfolgreich und heute sechs Monate
später hast Du ausgelernt. Du läufst ohne Leine, beschnupperst oder spielst mit
anderen frei laufenden Hunden, läßt Dich von Fremden
streicheln und kommst bei Begegnungen mit
Fahrradfahrern und Joggern zu mir und setzt Dich neben mich bis diese vorbei sind.
In unserem Wandergebiet hast Du Freunde gefunden und bist ein Freund geworden.
Du mußt Dir nur noch abgewöhnen, wenn Du von Fremden
gestreichelt wirst, manchmal vor lauter Wollust an diesen hochzuspringen und Küßchen
zu geben. Und nun, wie das Glück oder die Vorsehung es wollte,
zeitgleich mit dem Abschluß unserer Ausbildung, kamen
zwei junge Männer, die Dich zu sich nahmen. Du hast ihnen sofort mit mir zusammen
gezeigt was Du kannst und wie Du bist. Sie, die durch Aussagen im Tierheim einen
„problematischen“ Hund erwarteten, waren sehr überrascht, denn sie fanden einen
ganz normalen Hund vor. Wir beide haben dann unsere Trennung und Deine Neueingewöhnung
langsam über einen Zeitraum von fünf Wochen vollzogen. Die ersten Wochen gingen
wir gemeinsam und dann habe ich mich langsam zurückgezogen. Nicht ganz, denn einmal
die Woche sehen wir uns noch. Du freust Dich, wenn Du mich siehst (ich hoffe, es liegt
nicht nur an der Fleischwurst), aber es gibt keine Wehmut (bei Dir), denn Du lebst
nun in einer neuen Welt und bist dort glücklich. Randy denke nicht zurück und freue Dich über jeden Tag
im neuen Zuhause und lerne dort auch bitte noch, nicht jede Couch für Dich vereinnahmen
zu wollen. Deine Gassigänger Erika und Joachim
Randy im April 2003 |